Die Ziele klingen verlockend: Nordsee, die bayrischen Berge, die Schwäbische Alb oder der Schwarzwald. Sechs Wochen Kinderkur, das scheint so harmlos. Etwa acht Millionen Kinder wurden von den frühen 1950er Jahren bis weit in die 1980er Jahre in etwa 1000 Heime in Kindererholung geschickt. Manchmal aus medizinischen Gründen, oft aber auch ohne. Viele wurden verschickt, weil es noch freie Kurplätze gab in der Kindergesundheitsfürsorgeindustrie, an der Krankenkassen, Rentenversicherung, kirchliche und weltliche Träger, Jugendämter und Wohlfahrtsverbände beteiligt waren. Es gab Ärzte, die fanden in den entlegenen Kurheimen ideale Rahmenbedingungen, um an Kindern Medikamente zu erproben.

Die Mehrzahl der ehemaligen Verschickungskinder erlebte in den Heimen eine schlimme Zeit, in der sie sich oft in den Schlaf weinten und nicht getröstet wurden. Das Wort Heimweh schönt und verharmlost dieses bisher nichterzählte und aufgearbeitete Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte extrem. Die Kur war für viele eine Zeit, in der sie sich ohnmächtig einer schwarzen Pädagogik ausgeliefert fühlen. Sie erlebten Demütigungen, seelische Gewalt und manchmal auch körperliche – von Esszwang bis zum Verbot, nachts auf die Toilette gehen zu dürfen. Viele fragen sich bis heute, warum ihre Eltern, die doch eigentlich nur das Beste für ihre Kinder wollten, ihnen das angetan haben.  Bis vor Kurzem haben viele ihren Erinnerungen nicht getraut und dachten, nur ihnen sei es so ergangen.

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