Ansichten des Lebens – Gedanken zur Gleichheit

Philipp S. Holstein (Facebook 2020)

„Gedanken zur Gleichheit

„Freiheit ist das Recht, anderen sagen zu können, was sie nicht hören wollen.“
George Orwell

Sie kennen das vielleicht, oder vielleicht auch nicht.
Ich versuche gerade, gemeinsam mit meiner Frau einem mittlerweile 5jährigen Bengel den Start ins Leben so einfach und gleichzeitig so herausfordernd wie möglich zu gestalten.
Und so kommt es, dass ich dazu neige, mir gelegentlich vielleicht mehr Gedanken zu Dingen zu machen, als unbedingt nötig wäre.
Ich stelle zum Beispiel immer wieder fest – und das mag ein Anzeichen des Alterns sein – dass ich viele Dinge, die um mich herum geschehen, nicht verstehe.
Und auch nicht verstehen will.

Das könnte mir egal sein, denn von meinem Leben ist vermutlich zumindest die Hälfte rum.
Es ist mir aber nicht egal.
Denn einem – in meinen Augen schrecklichen – Trend kann sich aktuell kaum einer entziehen, der sich nicht politisch in einem von mir als – für mich (!) – untragbar erscheinenden politischen Bereich verortet.
Den extremen Spektren beider politischer Seiten.
Trotzdem – und obwohl die beiden Lager nur einen Bruchteil der Wähler auf sich vereinen – spannt sich die ganze Diskussion zwischen diesen beiden auf.

Denn verfolgt man die Medien und Debatten, so scheint es, als gäbe es nur zwei Optionen:
Menschenverachtende Hierarchisierung oder rasenmäherartige Gleichmacherei.

Ich habe es schon mehrfach erwähnt, aber ich möchte es noch einmal wiederholen:
Meine Maxime und die Grundlage jeglichen Denkens ist ein fester Glaube daran, dass das Leben – ob man es nun als Gottes Schöpfung oder überraschend wunderbares Ergebnis biochemischen Roulettes versteht – bunt und granatenstark ist.
Dass Vielfalt und Unterschiede den Reiz ausmachen.
Dass sich dem Volksmund entsprechend „Gleich und Gleich“ vielleicht „gern gesellen“,
aber dann eben das Risiko eingehen, sich zu Tode zu langweilen.
Dass gerade der Mix aus völlig unterschiedlichen Bestandteilen meist für den Spritzer Raffinesse sorgt.
Das gilt für die Mischung aus Orangensaft und Wodka genauso wie für Gesellschaften.

Was in dem verführerischen Mäntelchen des „gut gemeinten“ gerade passiert, ist in Wahrheit ein grausames Verbrechen:

Wir berauben Menschen ihrer Besonderheit.
Wir löschen kulturellen Stolz und Traditionen aus.

Und bevor Sie jetzt erbost aufhören, diesen Text zu lesen, möchte ich Sie an das eingangs stehende Zitat von George Orwell erinnern.

Wo wir gerade beim Thema sind:
Georg Orwell, der George Orwell, der aktuell gerne zitiert wird, wenn ein „Überwachungsstaat“ befürchtet wird, würde vermutlich im Angesicht der derzeit stattfindenden Umwälzungen der Sprache, Umbenennung von Straßen und Zerstören von Statuen und Denkmälern, erschaudern.
Er würde es hassen, sein Gegenüber nicht nach dessen Wurzeln fragen zu dürfen und er würde vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er feststellen müsste, wie sehr viele dieser – gut gemeinten – Maßnahmen komplett konträr zu Wissenschaft und Aufklärung stehen.
Und vermutlich würde er sich fragen, wann Diskussion und Debatte, das Feiern der Besonderheit und all die Errungenschaften der Aufklärung, verloren gegangen sind.

In seinem Buch „1984“ lädt Orwell uns ein, als Mahnung vor einer möglichen Zukunft, einen Überwachungs- und Terrorstaat kennenzulernen. In diesem Staat wird in einem Ministerium, dem “Wahrheitsministerium“, die Geschichte fortwährend den aktuellen Anforderungen angepasst. Ganze Archive und alte Texte werden umgeschrieben.
Und am Ende steht der Verlust des Menschseins.

Ich denke – und hoffe ! – dass wir uns grundlegend darin einig sind, dass alle Menschen in bestimmten Dingen gleich sind:
Im Recht auf die Unantastbarkeit der Würde zum Beispiel.
Im Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben.
Im Recht auf Teilhabe.
In gewissen Grenzen im Recht auf eine Umsetzung persönlicher Wünsche auf dem Weg zu Zufriedenheit und Glück – solange sie andere nicht daran hindern, selbiges zu erlangen.
Und sicherlich noch in vielen anderen Dingen.

All das oben Geschriebene sind übrigens keine biologischen oder chemischen Gleichheiten.
Sie sind das Ergebnis unserer kulturellen Entwicklung, die auf Kosten zahlloser Opfer in Aufständen, Revolutionen und Kriegen schwer errungen wurden.
In lebensgefährlichen Auseinandersetzungen, die manchmal mit der Feder begonnen und mit dem Schwert beendet wurden, manchmal andersrum. Aber fast immer stand am Ende ein weiterer Text eines Gesetzes, einer philosophischen Abhandlung oder eines politischen Antrags, der uns weiter dorthin geführt hat, wo wir heute stehen.

Die biologische und chemische Gleichheit besteht im Wesentlichen darin, dass wir alle kohlenstoffbasierte Lebensformen sind, die Sauerstoff atmen und in der überwältigen Mehrheit der Fälle eine zumindest sehr ähnliche Anzahl von Gliedmaßen, Augen und Gehirnen haben. Von Würde, Freiheit, Gleichheit oder Teilhabe scheinen weder Biologie noch Chemie viel zu halten.
Das sieht man spätestens dann, wenn in der Tiersendung gezeigt wird, wie das „nicht ganz gesunde“ Küken einfach „aussortiert“ wird.

Warum ich das schreibe?
Weil es wichtig ist, zu erkennen, dass wir, als aufgeklärte, denkende, hadernde und handelnde Wesen, uns – idealerweise – ständig in einem Prozess der Weiterentwicklung befinden.
Und man, so Kierkegaard „das Leben nur rückwärts verstehen und vorwärts leben kann“. Löschen wir all die Irrungen und Wirrungen aus, setzen wir die heutigen Maßstäbe an die Taten und Gedanken der Menschen in der Vergangenheit, so könnten wir einiges verlieren. Sören Kierkegaard war es übrigens auch, der sagte: „Menschen scheinen die Sprache nicht empfangen zu haben, um die Gedanken zu verbergen, sondern um zu verbergen, dass sie keine Gedanken haben.“

Und das ist es auch, was – in meinen Augen – gerade unser größtes Problem ist.
Wir haben offenbar verlernt, Sprache für Disput und Reflektion zu verwenden.
Für Diskussion und Argumentation.
Für Analyse und Hypothesenformulierung.
Sprache wird verwendet, um Menschen und Dinge zu nivelieren.
Manchmal sogar, um „Fallen“ aufzustellen und einfache Schlüsse aus einem Wort zu ziehen. Damit niemand mehr selber denken muss.
Wir bewerten nicht mehr den Inhalt des Gesagten, wir bewerten die Hülle, also die Art der Worte, in der es daherkommt.

Denn die weit um sich greifende Gleichmacherei bezieht sich nicht nur auf die Menschen unterschiedlicher Kulturen, Hautfarben, Religionen und Sprachen, sondern auch auf die Bildung. Wenn jeder gleich sein soll, darf niemand besonders klug sein. Niemand besser mit Worten hantieren, niemand mehr Wissen, niemand besser reflektieren, als ein anderer.

Aber Ergebnisgleichheit darf nicht unser Ziel sein.
Chancengleichheit muss unser Ziel sein.

Wir brauchen die Besonderheit der Individuen, die Reibung die dadurch entsteht, die Bewunderung und Eifersucht, die Besonderheit auslöst, um uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln.

Wir sollten uns also wieder mehr um unsere Taten Gedanken machen, als um unsere Worte.

Natürlich können Worte verletzend sein.
Und natürlich können Worte – böswillig verwendet-
echten, auch gesellschaftspolitisch relevanten, Schaden erzeugen.
Wir haben uns deshalb als aufgeklärte Gesellschaft – zu Recht – darauf geeinigt, gewisse Worte nicht mehr zu verwenden.
Weil sie in der Vergangenheit Symbol politischen Extremismus´ waren, Kern menschenverachtender Ideologien wurden, oder einer abwertenden Hierarchisierung von Gruppen gedient haben.
Ich kann hier leider keine Beispiele geben, da der Algorithmus von Facebook diesen Text dann nicht durchlässt. Aber ich denke, Sie wissen, was ich meine.

Dennoch gibt es kluge (Vor-)Denker, die diese Worte noch verwendet haben, weil sie in einer Zeit lebten, in der man sie benutzte.
Albert Camus zum Beispiel sagte:
„Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung, gleich welcher Rasse er angehört, ist eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit“.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle diese Aussage für absolut korrekt halten.
Auch wenn Camus von „Rassen“ spricht.

Heute verwenden wir eher das nicht deckungsgleiche, aber fast identisch verwendbare Wort „Ethnie“. Auch wenn „Ethnie“ eine Gruppierung von Individuen aufgrund verschiedener Grundlagen ermöglicht, wird es tatsächlich meist nur als zusammenfassende Bezeichnung für Bevölkerungsgruppen vor dem Hintergrund ihrer kulturellen oder lokalen Herkunft verwendet.

Und Ethnien sind eben nicht gleich.
Sie haben die gleichen (welt-)gesellschaftlichen Rechte, die ich oben bereits erwähnte, aber der kulturelle Hintergrund erzeugt eine Vielfalt in Glauben, Ansichten, Handlungen.
Selbst das Verständnis von Wörtern wie „Würde“, „Ehre“ oder „Kränkung“ ist kulturell geprägt und unterscheidet sich schon zwischen Fischköppen und Bayern.
Wie bunt und facettenreich werden dann erst die verschiedenen Interpretationen weltweit sein?

Ich halte es unter anderem deshalb für unfassbar wichtig, diese Unterschiede nicht zu „vereinheitlichen“.
Menschen unterscheiden sich.
Massiv.
Leider – und das ist die Herausforderung für unsere und die kommende Generation – sind wir eben noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem ethnische oder kulturelle Unterschiede von allen Menschen als gleichwertig angesehen werden.
Und tatsächlich ist die Hoffnung, dass eines Tages wirklich alle Menschen von der gesellschaftlichen Gleichwertigkeit aller Menschen überzeugt sind, noch (!) eine Utopie.
Aber wir werden diesen Punkt nur erreichen, wenn wir die Unterschiede als Bereicherung empfinden und nicht als Anzeichen einer Hierarchie von „unwerten“ und „wertvollen“ Formen des Lebens.

Vor einiger Zeit gab es eine Werbung, in der Menschen verschiedener Geschlechter und Hautfarben sich hinter einem „Röntgenschirm“ küssten. Zwei identische Skelette umarmten und liebkosten sich und das Publikum brach jedes Mal in Jubel aus, wenn – oh Überraschung – mal ein homosexuelles Paar, mal ein ethnisch unterschiedliches Paar, mal ein Paar aus Mann und Frau hinter dem Monitor zum Vorschein kam.
Die Message war, dass wir unter der Haut alle gleich seien.

Sind wir aber nicht.
Jeder, der auch nur 2 Semester Anatomie hatte, wird Ihnen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen können, ob das Sekelett, das vor ihm liegt, asiatische, afrikanische oder mitteleuropäische Wurzeln hatte.
Ob es ein Mann oder eine Frau war.
Gerade in der Medizin ist es unfassbar wichtig, zu wissen, welche Hautfarbe oder historisch lokalen Ursprung ein Patient hat.
Weil es eben – übrigens lange sträflich vernachlässigte – Unterschiede in der Wirkung von Medikamenten gibt. Weil es bestimmte Bevölkerungsgruppen gibt, die eher zur Mittelmeer-Thalassämie neigen oder weil Ashkenasim oder Isländer eher zur Entwicklung bestimmter Tumorformen neigen, als Basken.

Wir sollten die Unterschiede also anerkennen und nutzen, um gemeinsam eine fortschrittlichere und freiere Gesellschaft zu werden. Sie nicht wegreden oder verschweigen, um wie eine zu wirken.

Das Ziel muss sein, jeden Menschen als Gesamtheit seiner Persönlichkeit vor dem Hintergrund seiner biographischen und kulturellen Historie zu begreifen und zu verstehen.
Auch das ist Teil eines würdevollen Miteinander.
Das Ziel muss aber auch sein, zu verhindern, dass böswillig eine hierarchische Wertigkeit daraus abgeleitet wird.

Wenn in Ihrem Betrieb – wie in meinem – einige Mitarbeiter bis zu fünf mal am Tag für einige Minuten verschwinden, oder im Winter ab Freitagmittag nicht mehr am Arbeitsplatz sind, dann kann es sein, dass sie faul sind oder viel Rauchen. Vielleicht sind sie aber auch ihren Glauben ernst nehmende Muslime oder Juden. Und die Wahrnehmung ihrer religiösen Pflichten wird in den allermeisten Fällen die Produktivität alles andere als mindern.
Das könnte man alles in einem Gespräch klären, sich verständigen, sich über die Besonderheiten anderer Kulturen austauschen. Einen geeigneten Raum anbieten, oder die Arbeitszeiten anders festlegen. Das geht aber nur, wenn über kulturelle Unterschiede gesprochen und gefragt werden darf.

Und auf der anderen Seite:
Wie groß war die Empörung, als diskutiert wurde, ob man bei Straftätern einen möglichen Migrationshintergrund dokumentieren sollte. Ich finde, man sollte sogar soweit gehen, auch einen kulturellen ggf. religiösen Hintergund zu dokumentieren.
Das ist wichtig, um angemessene und den Menschen respektierende Bestrafung, aber auch Prävention zu ermöglichen.
Ein Beispiel: Wenn Sie einen Fall weiblicher Genitalverstümmelung zu beurteilen hätten und weitere Fälle durch Prävention verhindern sollen – wäre es dann nicht gut, zu wissen, ob der Täter ein sadistischer Frauenhasser oder ein auf Grundlage seiner (in unserer Gesellschaft zu Recht nicht akzeptierten) Kultur agierender Mensch ist, der im Glauben an „göttliche“ Anweisung gehandelt hat? Beide sind zur Rechenschaft zu ziehen und zu verurteilen, aber sowohl das Strafmaß als auch die daraus ableitbare Präventionsmethodik würden sich wohl massiv unterscheiden. Die Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche fordern komplett andere Präventionsmaßnahmen, als andere Fälle und der Antisemit aus der sächsischen Schweiz wird nicht auf denselben Wegen zu erreichen sein, wie der Antisemit mit anderem kultuhistorischem Hintergrund.

Deshalb sage ich:
Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, eine Gesellschaft zu bilden, in der die Unterschiede zwischen den Menschen, sei es das Geschlecht, die Hautfarbe, die Religion, die Kultur, die lokale Herkunft oder die sexuelle Orientierung mit Stolz gelebt, gesehen und respektiert werden.
In der wir Menschen danach beurteilen, ob wir sie als Typen blöd finden oder toll.
Nicht nach irgendwelchen anderen Kriterien.

Und unser Grundgesetz gibt genau das her!
Lassen Sie uns also versuchen, patriotisch zu sein und dieses Land zu lieben und es so behandeln, als würden wir es lieben. Egal, ob man seit 10 Generationen oder 10 Minuten hier lebt. Denn hier wäre all das möglich.
Und wir verlieren alles, was eine Bereicherung darstellen könnte, wenn wir die Unterschiede nicht feiern, sondern wegdenken.

Und zum Abschluss ein Witz:
Kommen ein Rabbi, ein Imam, ein Priester und eine Pastorin, zwei Rastafari, drei Lageristen, zwei Kassierer und ein homosexuelles Pärchen, ein Techno-Jünger, drei Sushi-Köche und eine französiche Austauschstudentin in eine Bar. Jeder trinkt was er für richtig hält und alle diskutieren leidenschaftlich über die freie demokratische Wahl, an der sie gerade teilgenommen haben.
Plötzlich steht eine auf und sagt:
Was ist das für ein Glück!

Oh. Doch kein Witz.
Eine erstrebenswerte Utopie.